Der liberale Think Tank Avenir Suisse veröffentlicht Diskussionspapiere am Laufmeter. Selten ist eine Publikation aber derart folgenreich, wie jene zur Bedeutung von internationalen Konzernen für die Schweiz. 


Sie erschien Ende Juni - und sorgt bei Wirtschaftsverbänden noch heute für Nervosität. Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Reaktion des Schweizerischen Gewerbeverbandes darauf.


Direktor Hans-Ulrich Bigler wirft Avenir Suisse in der Gewerbezeitung unzulässige Schlussfolgerungen und ökonomische Fehlschlüsse vor. Und weiter


: «Gravierender ist der Eindruck, wonach hier ein Keil zwischen die KMU-Wirtschaft und die Grossbetriebe geschlagen werden soll.» Im Diskussionspapier geht es zwar eben nicht um die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), sondern um die in der Öffentlichkeit weit kritischer wahrgenommenen multinationalen Konzerne.


Als Nebenaspekt in einer 15-zeiligen Box schreibt Avenir Suisse jedoch, dass je ein Drittel der Bruttowertschöpfung auf die Multis, den staatlichen Sektor und die staatsnahen Betriebe sowie die KMU entfallen und folgert daraus, die Schweiz sei nicht eine reine KMU-Wirtschaft:


 «Die Bezeichnung der KMU als ‹Rückgrat› der schweizerischen Volkswirtschaft muss wohl etwas differenzierter gesehen werden.»


Geschlossenes Auftreten statt Zersplitterung


Für Bigler entbehrt diese Aussage jeglicher Substanz und ist in der Analyse des Papiers von Avenir Suisse nicht abgestützt. Er kritisiert die Qualität des Diskussionspapiers auch mit Blick auf die 1:12-Initiative der Jungsozialisten, die im November zur Abstimmung gelangen wird: «Die Wirtschaft muss geschlossen auftreten», verlangt Bigler.


 Kleine und grosse Unternehmen dürften ebenso wenig gegeneinander ausgespielt werden wie der Werk- gegen den Finanzplatz.


Nur: Hinter vorgehaltener Hand machen Wirtschaftsvertreter genau dies Bigler zum Vorwurf. Der Gewerbeverband sei es, welcher einen Keil zwischen grosse und kleine Firmen schlage. Bigler wolle die «guten» KMU von den «bösen» Multis abgrenzen. So schreibt Henrique Schneider, Ressortleiter Wirtschaft, in der jüngsten Ausgabe der Gewerbezeitung mit Blick auf 1:12- und Mindestlohninitiative:


 «Sind die Multis so unbeteiligt (und unschuldig) an diesen politischen Entwicklungen, wie Avenir Suisse es weinerlich feststellt? Logik und gelebte Wirklichkeit geben eine klare Antwort.»


Es ist nicht das erste Mal, dass der Gewerbeverband und Avenir Suisse aneinander geraten. Pikant ist die Geschichte deshalb, weil der Gewerbe- zusammen mit dem Arbeitgeberverband die Gegenkampagne zur 1:12-Initiative führt. 


Das Gebaren der Gewerbler hat deshalb auch den Wirtschaftsdachverband Economiesuisse und die Grosskonzerne vor den Kopf gestossen, wie die «Nordwestschweiz» aus zwei unabhängigen Quellen weiss. 


In diesen Kreisen stellt man sich die Frage, ob Bigler der richtige Mann ist, um die Nein-Kampagne zu führen. Das Vertrauen sei dahin.

Wie betroffen sind die KMU?


Nachdem Economiesuisse bei der Abzocker-Initiative eine kolossale Niederlage hinnehmen musste, sah es wie ein geschickter Schachzug aus, dem Gewerbeverband den Lead bei der 1:12-Initiative zu überlassen - das Geld dazu kommt in erster Linie vom Wirtschaftsdachverband und damit von den Grosskonzernen.


 «Meinen Sie etwa, ein Coiffeurmeister zahlt für die Gegenkampagne zur 1:12-Initiative?», fragt ein Insider lakonisch.


Diese Strategie wird inzwischen infrage gestellt. Vor allem deshalb, weil vom Volksbegehren in erster Linie Grosskonzerne betroffen sind und eben nicht die KMU. Einem Gewerbler, der in seinem Unternehmen eine Lohnspanne von 1:4 hat, fehle die Glaubwürdigkeit in dieser Frage, heisst es.


Bigler sieht dies anders: «Die Einführung staatlicher Lohnkontrollen und die Einschränkung des flexiblen Arbeitsmarktes betrifft den ganzen Wirtschaftsstandort, auch die KMU.» Mit diesem Argument will er die Kampagne bestreiten - diese Stossrichtung sei auch beim Arbeitgeberverband und bei Economiesuisse unbestritten.


Von den Bedenken seitens Vertretern des Wirtschaftsdachverbandes an seiner Rolle im Abstimmungskampf will Bigler nichts wissen. Auch bei Economiesuisse heisst es offiziell, am «Setting» werde nichts geändert. Ein Branchenvertreter hofft indes auf den «Arbeitgeberverband als korrektiv» in der Kampagne.